Mit SSD in der Schule – ein Gastbeitrag von Jonas K.

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Wenn es eine Konstante in meinem Leben gibt, dann ist es mein Gehör. Es funktionierte noch nie und dieser Defekt begleitet mich mein Leben lang bis zu diesem Zeitpunkt, an dem ich diese Worte schreibe. Keine Angst, ich werde mich ich folgenden nicht darüber auslassen, wie schlimm alles doch war. Das wäre ja auch gelogen. Man lernt vieles, was andere nicht lernen und man lebt auch anders. Mir geht es in diesen Texten darum, dass ich Leidensgenossen und Angehörigen Tipps geben kann, dass ich ihr Leben etwas unkomplizierter machen kann.

Eine Konstante in meinem Leben, welche sich jedoch vor kurzem in Luft aufgelöst hat, war die Schule. Förderschule, Grundschule, Realschule und Gymnasium mit Abitur – ich hab da schon so ziemlich alles gesehen was es gibt. Dazu gehören auch viele Fehler seitens der Lehrkräfte, seitens mir und seitens meiner Mitschüler.

Als SSD – Betroffener hatte ich die klare Empfehlung, dass ich nach Trier in die Wilhelm-Hubert-Cüppers Schule gehen soll – eine klassische Gehörlosenschule. Damit verbunden einen Schulweg von 80km – unmöglich. Trotzdem habe ich die Schule für ein paar Tage besucht. Die Erfahrungen, welche ich dort machen konnte, haben meine Eltern darin bekräftig, dass ich eine Regelschule besuchen soll und zusätzliche Förderung nachmittags Zuhause bekomme – solange diese notwendig ist. Zweifelsohne die richtige Entscheidung, auch wenn mich interessieren würde, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn es anders gekommen wäre.

Die Grundschule habe ich also wie (hoffentlich) jeder von uns besucht und eine Sache fällt mir besonders auf, wenn ich im Nachhinein darüber nachdenke: Mir war es nicht wirklich bewusst, dass ich nur auf einer Seite höre. Ich habe mir zu keinem Zeitpunkt darüber Gedanken gemacht. Ich erinnere mich, dass ich überrascht war, als ich erfuhr, dass ich der einzige Schüler auf der Schule mit einer solchen Behinderung war. Es war für mich Normalität.

Das kann ich aber nicht von den Menschen um mich herum sagen. Meine Lehrerin hat sich wacker geschlagen, sie hatte auch schon einiges an Berufserfahrung aber auch sie hat die Fehler gemacht, die ich heute als klassische Fehler von Lehrern, die es nicht besser wissen und nur gut meinen, ansehe.

Beispielhalft sind hier Situationen, in denen ich einen Tadel bekam, da ich nicht gehört habe, dass ich gerufen worden bin, dass ich leise sein sollte, dass der Lehrer den Raum betreten hatte, dass ich beim Nachbarn nach der Aufgabe fragen musste, solche Dinge eben. Dinge, die nicht angenehm sind. Iich hab mir da aber nie was daraus gemacht.

Fehler waren natürlich auch, dass sie einfach gegen die Tafel gesprochen hat, wodurch bei mir nur noch ein unangenehmes Schallwirrwarr ankam (warum das so schlimm ist erkläre ich in einem anderen Text). Aber das hielt sich auch in Grenzen.

Alles in allem war die Grundschulzeit eher unspektakulär und meine Schwerhörigkeit hat mich kaum beeinträtigt. Ich war ein Kind und habe das gemacht, was Kinder eben so machen. Der Punkt, an dem ich mich mit Abstand am meisten geärgert habe war, dass meine Schwerhörigkeit Teil der Begründung war, warum ich nicht das Gymnasium besuchen sollte. Eine absolute Fehleinschätzung, wenn man es heute betrachtet.

Vielleicht war man einfach nur zu vorsichtig und wollte mich nicht überfordern. Ich bin kein Freund davon. Fordern, solange man nicht überfordert ist.

Die Realschulzeit war ein harter und nicht gewollter Cut. Viele Lehrer waren überrascht von mir, wussten nicht so richtig, wie sie eben diesen Drahtseilakt der richtigen Rücksicht schaffen sollen. Nach ein paar Jahren erkennt man diesen Typus Lehrer sofort, und das ist per sé auch nicht schlimm. Wenn ich mich in deren Situation versetzten würde, dann wäre das ganze wahrscheinlich nicht anders. Man merkt allerdings auch schnell, welche Lehrer sich ähnlich wie meine Grundschullehrerin verhalten und das ganze recht gut schaffen (manche Situationen sind immer ungünstig, da will ich die Goldwage nicht rausnehmen) und wer nicht so richtig weiß, wie er sich zu verhalten hat. Das endet dann in dauerhaften “vor mir stehen”, damit ich auch alles mitbekomme ebenso wie ständigem Augenkontakt – beides will kein Schüler. Da ich jemand war, dessen Mitarbeit zu den besten zählte, gab sich das ganze jedoch auch irgendwann, die Lehrer sahen das ganze mehr so, wie ich es in der Grundschule gesehen habe. Alles andere wäre auch mehr oder weniger lächerlich, da ich dauerhaft der Klassenbeste war.

Eine neue Problematik machte sich jedoch mit dem älterwerden breit. Wie ich es früher nicht gemerkt hatte, dass etwas anders ist, so haben meine Mitschüler es auch nicht gemerkt. Und will ich nicht abfällig über Realschulen und deren Schüler spreche – ich war ja selbst mal einer – aber, sagen wir es so: Ich war dort nicht sonderlich beliebt. Es war die völlig falsche Schule für mich, ich war gut und bekam trotzdem noch Hilfe von manchen Lehrern (was mir zunehmend unangenehm wurde, was jedoch trotzdem sinnvoll war, z.B. ein Sitzplatz in der ersten Reihe). Das Hörgerät, was ich zu dieser Zeit trug, war ein weiterer Grund, warum ich nicht dazugehörte. Es war ein Stempel, der mich als anders markierte. Für manche Menschen ist das kein Problem, für andere schon. Ich will das aber nicht alles auf das Hörgerät schieben, da gehört mehr dazu. Zu jedem, der mit einem Mono zu tun hat, kann ich aber nur sagen: Reduziert diesen Menschen nicht auf das eine Ohr. Achtet auf andere Dinge, Dinge, welche diesen Menschen auch wirklich auszeichnen und unterschätze sie nie, weil sie nur ein Ohr haben. Das sagt im Idealfall genau nichts über den Menschen aus.  Leider haben meine Mitschüler das damals nicht verstanden. Vielleicht hat es ihnen aber auch nur niemand erklärt.

Was dann hängen bleibt ist dann eigentlich nur der Satz in der letzten Woche, dass ich das Abitur sowieso nicht schaffen werde.

Was konnte ich also nun von einem Gymnasium erwarten? Altbau, ehemaliges Kloster, 3, 4 Meter hohe Räume, schlechte Akustik in fast allen Räumen, vor allem in der Aula.

Auf jeden Fall Verständnis und Interesse. Dort habe ich das erste Mal Menschen erklären können, was genau mein Problem ist und was sie und ich dagegen tun können (was Alexander hier ja auch schon getan hat). Wirklich befasst mit dem Thema „hören“ habe ich mich selbst erst seit der Oberstufenzeit am Gymnasium. Es war ein völlig anders Leben, weniger geordnet, schneller und mit der Veränderung kam die Schwierigkeit, meinen Lebensinhalt auf das eine Ohr auszurichten. Man muss mutig sein, andere darauf aufmerksam machen und wissen, wo man hingehen sollte und wo nicht (dazu an anderer Stelle mehr).

Ich erinnere mich an Essen in einem Restaurant mit, in dem ich nahezu nichts von dem verstanden habe, was gesagt wurde, weil die Leute, mit denen ich da war, “auf meiner falschen Seite” saßen. Das war mein Schicksal, wenn ich 2 Minuten zu spät kam, nicht nur an diesem Abend. Aber heute würde mir das heute nicht mehr passieren. Ich war vielleicht feige, vielleicht etwas überfordert, aber trotzdem hätte ich mit jemanden den Platz tauschen sollen. Und wenn das nicht geht, dann ist das nicht mehr meine Gesellschaft. In jedem Fall der vielleicht unangenehmste Abend, den ich je erlebt habe.

Auf die Schule lässt sich das ganze 1 zu 1 übertragen. Jetzt waren es nicht mehr die Lehrer, die groß Rücksicht genommen haben, sollten sie ja auch nicht. Jetzt war es an mir, alles zu verstehen. Das ging mal mehr, mal weniger gut. In jedem Fall saß ich nach und nach in allen Räumen irgendwann auf dem Platz, wo ich am besten hören konnte. Früher gab es hier noch die zwei Typen von Lehrer: die einen fragten, wo man sitzen soll, die anderen wollten nicht, dass man gegen die heilige Sitzordnung verstößt. Hier war es einfach egal, kurz: so, wie es ein soll. Mit 17, 18 und 19 Jahren sollte man langsam auch selbstständig werden, das Ganze sollte auch gefördert werden.

Abschließen will ich an diejenigen, die sich fragen, ob der Besuch einer Regelschule mit nur einem Ohr möglich ist sagen, dass das grundsätzlich eine Entscheidung ist, die vom Kind selbst anhängig ist. Ich glaube aber, dass man das mit der richtigen Unterstützung und mit ein wenig Glück mit der Schule selbst, schaffen kann. Das Abitur habe ich selbst im März dieses Jahres absolviert – in den Top 5 aus 113 Abiturienten. Was würde meine Grundschullehrerin wohl dazu sagen, wenn sie wüsste, wie daneben sie lag? Egal.

An alle Monos selbst kann ich daher auch nur sagen, dass ihr euch nie sagen lassen sollt, dass ihr etwas nicht könnt. Wichtig ist, ob man etwas will. Wenn ihr einen anderen Weg als ich gehen wollt, dann ist das auch völlig in Ordnung. Sprecht mit euren Eltern, euren Freunden und Ärzten und trefft dann eine nicht voreilige Entscheidung über eure Schullaufbahn.

Ich hoffe, ich konnte einigen Menschen mit diesem Text helfen. Ich plane weitere Texte, unter anderem eine Serie der Orte, welche für einseitig taube Menschen am schlimmsten sind. Wer noch Fragen/ Anregungen/ Wünsche hat, der kann sich bei mir unter jonas.k.996@live.de melden.

MONO – ein Buch zum Thema „Einseitige Taubheit“

Willkommen

Liebe Mono Communtiy,

der Blog befindet sich nun im zweiten Jahr online mit über 40 Beiträgen und über 160 Followern. Mein Ziel, das Leben mit und die Folgen von „Einseitiger Taubheit“ öffentlich zu thematisieren, möchte ich weiter vorantreiben.

Online ist der Blog inzwischen sehr gut über Google & Co zu finden und die Artikel werden laut Statistik zahlreich gelesen. Doch ich möchte im nächsten Schritt eine weitere Informationsplattform erschließen, damit in Zukunft noch mehr Betroffene Hilfestellung und Zusammenhalt finden und die Öffentlichkeit mehr über Monos sensibilisiert wird.

Ich möchte im nächsten Jahr ein Taschenbuch zum Thema „Mono – Rund um das Leben mit einseitiger Taubheit“ veröffentlichen. Dafür habe ich nun schon einige organisatorische Vorbereitungen getroffen und die Weichen sind gestellt. Dadurch sollen zusätzlich auch Freunde des bedruckten Papiers oder des EBook-Readers erreicht und mit Wissen versorgt werden, wie:

  • Einseitige Taubheit ist keine Seltenheit: Eine vermutlich sechsstellige Zahl an Menschen in Deutschland kann die akustische Umwelt nur in „Mono“ wahrnehmen.
  • Bei weitem nicht taub, doch erst recht nicht „normal“? Ein einseitig ertaubter Mensch fühlt sich meist genauso wenig gesund wie taub. Die Auswirkungen von einseitiger Taubheit sind weitaus umfassender als meist angenommen wird, obwohl „doch noch ein Ohr funktioniert“.
  • Taub sein bedeutet bei Spätertaubten häufig nicht Stille, sondern lauter Tinnitus
  • Ein modernes Wunder? Dank einer bionischen Prothese können taube Menschen wieder Höreindrücke erlernen

Der Stil des Buches wird ein lebendiger Ratgeber. Ich schildere meine persönlichen Erlebnisse und Eindrücke in Erzählform ähnlich wie im Blog (nur etwas weniger informell 😉 ). Zwischendurch ergänze ich den Text durch übersichtliche Grafiken in Form eines roten Fadens, Aufnahmen aus meinem Alltag und anschaulichen Diagrammen. Anhand meiner persönlichen Geschichte möchte ich anderen Betroffenen Mut machen und Wege aufzeigen.

Neben der Themen, die bereits im Blog auftauchen, möchte ich zu neuen Bereichen Kapitel verfassen. Zum Beispiel ist das Themenfeld psychologische Belastungen, Auswirkungen und Auswege extrem bedeutend bei einseitiger Ertaubung!!!!! Leider wird es generell sehr häufig als gesellschaftliches Tabu behandelt und ignoriert. Ich selbst war bisher nicht frei von dieser Hemmschwelle, weshalb ich das Thema bisher nicht angeschrieben habe. Das wird sich im Buch ändern.

Was ist deine Meinung zu einem Mono-Taschenbuch?