CI und Musik – geht das?

CI - Erstanpassung und Reha, So ist einseitige Taubheit!

Was die Champions League für den Vereinsfußball ist, ist die Musik für das Gehör. Umso mehr stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage, was mit diesem Quell der Lebensfreude passieren kann, wenn das Gehör versagt? CI und Musik, geht das? Elektro vs. Akustik? Mono vs. Stereo?

Hier (inspiriert durch meine Musiktherapeutin) eine sehr persönliche Gegenüberstellung meiner Erfahrungen mit Musik in den Lebensphasen Stereo, Mono und Elektrisch

Epoche 1: Musik mit zwei gesunden Ohren

Lieblingsmusik

In meinem Leben mit zwei gesunden Ohren habe ich fast alle Arten von Musik gerne gehört.

Musik im Auto

Als Pendler habe ich häufig im Auto die Musik nach Feierabend aufgedreht, um die Arbeitsgedanken zu vertreiben. Von BigFm bis Klassikradio hörte ich mir alles an.

Voll auf die Ohren

Konzerte, Festivals, Discos, randvolle Kneipen. An vielen Orten in den unterschiedlichsten Lautstärken und Formen konnte ich Musik genießen

Musizieren

Wirklich viel Musik selbst habe ich in meinem Leben nicht gemacht, abgesehen von ein wenig Keyboardunterricht in der Kindheit und selbstbeigebrachtes Klavierspiel nach dem Studium.

Epoche 2: Musik nach der einseitigen Ertaubung

Musik im Auto als SSDler

Musik höre ich beim Pendeln seit dem einseitigen Ertauben nicht mehr, denn mein gesundes Ohr ist sehr geräuschempfindlich geworden. Zudem raubt mir leider das asymmetrische Hören von Musik viel Konzentration. Durch die einseitige Ertaubung gewinne ich keine Kraft mehr aus der Musik sondern werde erschöpft. Die Aufmerksamkeit sinkt, was im Straßenverkehr ja nicht unbedingt so vorteilhaft ist… Deshalb höre ich eigentlich nur noch Deutschlandfunk beim Pendeln, da Reportagen komischerweise besser aufgenommen werden können.

Voll auf die Ohren, ähm das Ohr

Dass ich nun (abgesehen von den drei kleinen Gründen mit je zwei Beinen bei mir zu Hause) kein Stammgast in Discos, Heavy Metal Festivals und randvollen Kellerkneipen bin, ist glaube ich nicht schwer zu erraten.

Festivals und Co als SSDler

Wobei, letztes Jahr schleppte mich meine Frau zum Glück auf mein erstes „Mono“ Festival („Das Fest“ in Karlsruhe). Mit Gehörschutz klappte das trotz anfänglicher bedenken erstaunlich gut. Einmal verrutschte er mir jedoch und ich bekam die absolute Oberkrise, als plötzlich dieser Lärmpegel auf mein Weichei-Ohr traf 🙂 Unterhaltungen waren bei den lauten Umgebungsgeräuschen nur sehr eingeschränkt möglich (der Gehörschutz lässt jedoch die hochfrequenten Töne der Sprache einigermaßen durch). Die Musik konnte ich beim Festival ganz gut aufnehmen, da zum einen das Flair, zum anderen das Vibrieren der Musik im Körper das Musikerlebnis abrunden. Diese Wahrnehmungen werden nicht durch den einseitigen Gehörverlust gemindert. Man sollte sich ja immer mehr darauf fokusieren, was man noch kann, als auf das, was man nicht mehr kann (halte ich meiner Oma bei anderen körperlichen Leiden immer vor, warum soll das nicht auch für mich zutreffen?! 😉 ).

Klassisches Konzert als SSDler

Der Besuch eines klassischen Konzerts (mag ich eigentlich sehr gerne) war leider sehr ernüchternd nach der einseitigen Ertaubung. Das herrliche Klangvolumen, das den Raum sonst wie Honig flutet, war gänzlich nicht mehr vorhanden. Das Orchester spielte gefühlt direkt in meinem gesunden Ohr (es schrumpft quasi auf eine Singularität) und nicht im Zentrum der Bühne vor mir. Auf der anderen Seite schrillte der Tinnitus und zelebrierte seinen Triumpf über die schönen Klänge der Welt. Er rieb es mir förmlich unter die Nase, dass er eindringlicher und lauter ist als alles andere. Die räumliche Zuordnung war auch nicht mehr möglich und somit das Fokusieren auf einzelne Instrumente hinfällig. Bei Solostücken hätte ich heulen können, da ich vor allem Tinnitus wahrnahm. Das war ein halbes Jahr nach der Ertaubung.

Musizieren als SSDler

Das Klavierspiel habe ich aufgehört, da das fehlende Klangvolumen selbst für mich als wenig anspruchsvoller Hobbyklimperer zu deprimierend war.

Epoche 3: Musik mit CI

Hoffentlich ändert sich das nun wieder etwas mit dem Cochlea Implantat. Ich kann es kaum glauben, dass ich Musik zum Teil drei Tage nach der Inbetriebnahme ganz akzeptabel wahrnehmen kann, jedoch natürlich nicht natürlich 🙂 Einem Rythmus kann das egal sein!

Hier eine kurzer Beitrag zur Problematik von Musik und Cochlea Implantat:

Für alle nicht CI’ler habe ich ein Simulationsbeispiel gefunden, wie ein geübter CI’ler nach jahrelangem Training Musik wahrnehmen kann:

Mein CI (Cochlear) hat übrigens 22 Kanäle in Bezug auf das Video.

Klassische Musik mit CI

Einen guten Einstieg in die Welt der Musik mit CI bieten, meiner beschränkten Erfahrung nach, langsame Klavierstücke wie dieses hier:

Akustisch und elektrisch wunderbar ansprechend und interessant im Wechsel von Rhytmus, Melodie, Lautstärke und Klangfarbe! Ich gebe mein Bestes das Positive zu entdecken und nicht den Fokus auf dem Unnatürlichen zu lassen. Das Negative versuche ich mit Humor zu nehmen, z.B. muss ich bei diesem Stück mit dem wütenden Gorilla. herzhaft unter dieser Vorstellung lachen 😀

Schlecht bis gar nicht gehen Gesang (hohe Stimmen) und Streichinstrumente. Bei diesem Stück habe ich das Gefühl, dass der Sprachprozessor jeden Moment durchschmilzt und explodiert (Stelle ab 1:50) :

Der Akku des Sprachprozessors stirbt vermutlich nach 20 Minuten an Überlastung 🙂 Da feuern die Elektroden aus allen Rohren auf den Hörnerv ein Impulsgewitter ab!

Ein Orchester stellt also noch eine absolute Überforderung dar. Solche Stücke halte ich mal vorerst vom CI fern…ob das jemals klappen wird mit CI?

Voll auf die Ohren mit CI

Machen wir mal einen geschwinden, aber knallharten Genrewechsel. Mir hat es die Socken ausgezogen, als ich den Track von Benny Benassi aus Spaß gestartet habe:

Das klingt größtenteils nahezu Original im CI! Gut, wenn die Frau singt, dann klingt das nicht nach Frau (könnte auch 50 Cent sein 😀 ), nicht einmal nach einer Roboterfrau . Aber die elektrischen Geräusche kommen zum Teil im CI extrem gut rüber (z.B. ab 0:17)!!!! Unfassbar!!!!! Ein rießiges AHA Erlebnis. Auf beiden Ohren den gleichen Höreindruck, was für ein unglaubliches Gefühl! Hätte mir nicht zu träumen erlaubt, dass ich das noch in meinem Leben je wieder genießen darf! Ja, es ist möglich unter ganz bestimmten Voraussetzungen mit einem CI den gleichen Sound wahrzunehmen wie auf dem gesunden Ohr!!!! Das habe ich bisher noch nirgendwo gelesen oder gehört, aber bei dieser Stelle ist es für mein subjektives Empfinden Realität. Lang lebe die Technik und der Techno 😉

Generell lässt sich bei perkussiver Musik gut der Rhytmus erkennen:

Klingt etwas verzerrt zum Teil mit CI, aber im Intro sonst richtig gut. Manchmal, wenn zu viele akustische Eindrücke sich überlagern (z.B.1:20), geht dem CI gefühlt der Saft aus und die Klangschärfe und der Schalldruck lassen deutlich nach.

Ich lasse fürs Musik hören das CI an. Ich finde das wertet das Klangvolumen auf und ich fokusiere mich darauf. Wie macht ihr das?

Musizieren mit CI

Zu Hause nach der EA möchte ich mich wieder ans Klavier spielen wagen. Das wird mir sehr von meiner Musiktherapeutin empfohlen, da es die Neuvernetzung im Gehirn anregt (Verknüpfung elektrisches und akustisches Hören über Klang, Sehen, Erfahrung und Bewegen). Das Richtungshören kann dadurch wieder gefördert werden.

Fazit

So, das war ein breiter Schwenk durch das Thema Musik in allen akustischen Lebenslagen! Dieser Beitrag wird bestimmt in Zukunft noch viel von mir und anderen ergänzt werden.

Man merke: Was für Oma gut ist, ist auch für einen selbst gut 😀  (Wer den Artikel gelesen hat wirds verstehen)

Musik und CI kann funktionieren, es ist eine Frage der Erwartungshaltung und des persönlichen Fokus. Einseitig Taube haben zum Glück noch die Möglichkeit, das akustische Hören zu genießen und mit dem CI etwas mehr Fülle zu verleihen. Akustik- und Elektro-Ohr können sich ergänzen und sind nicht zwangsläufig im Gegensatz.

Unter ganz bestimmten Umständen kann der Höreindruck auf dem CI Ohr mit dem gesunden Ohr übereinstimmen und ein tolles Klangerlebnis stellt sich ein.

Diskutiert wird das Thema hier im Forum. Ich freue mich über Tipps und Erfahrungen rund um das Thema Musik in Verbindung mit SSD und CI!

 

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EA Tag 3: Mehr Dynamik und Musik ab!

CI - Alltag mit dem Sprachprozessor, CI - Erstanpassung und Reha

Und täglich grüßt das Murmeltier… Die Routine macht sich langsam hier bei der Erstanpassung breit. Sprachprozessor „ran an den Kopp“ und los gehts in den neuen Tag. Für heute habe ich mir nach meinem kleinen Turbo und dem vollen Programm gestern verordnet, einen Gang nach unten zu schalten (ich hasse es….). Doch was ist da im Bad beim Waschen wahrzunehmen? Das hört sich ja schon fast mehr nach plätscherndem Wasser als nach Kreissäge an, was da in den Abguss fließt. Sehr fein…

Anpassung Technik

Nachdem ich im Laufe des gestrigen Tages mehrmals die Lautstärke reduzieren musste und die Herabstufung der Frequenz drohte, kann ich die Lautstärke zum Glück wieder steigern.

Und damit nicht genug, denn der Techniker hat erneut einen Trick parat um zu zaubern! Diesmal knöpfen wir uns die Dynamik vor. Diese beschreibt die Breite des Dezibelfensters im Frequenzband (hoffe ich habe das richtig verstanden). Mit anderen Worten wird das Spektrum (die Grenzen der minimalen und maximalen Ausschläge der Amplituden) erweitert. Das geht nur, wenn der Hörnerv das mitmacht. Da ich die sehr leisen Töne bei allen Elektroden noch im Test erkennen kann, belassen wir diese Einstellung. Die empfundene Qualität der modulierten Geräusche wird etwas besser. Der Sprung ist aber eher ein kleiner Hüpfer im Vergleich zur gestrigen Veränderung der Frequenz. Dennoch freue ich mich über diese Anpassung.

Der Impedanztest wird, wie jeden Tag, erneut durchgeführt. Die Übergangswiderstände haben sich erneut verkleinert (das ist gut!). So sehen die drei bisherigen Messkurven in der Gegenüberstellung aus:

Cochlea Implantat ImpedanzenSorry für die miese Bildqualität, habe nur ein altes Gurkenhandy 🙂

Visite

Ziemlich unspektakulär und kurz (wobei im Vergleich zu einer Chefarztvisite eine Ewigkeit 😀 ) Es wird, überspitzt formuliert, geschaut, ob ich zwei Ohren habe und nirgendwo auslaufe 😉 Ein bisschen Zeit für netten Smalltalk bleibt dennoch.

Logopädie

Heute wagen wir uns an fremde Wörter ohne Hilfestellung (wie Bildchen). Das klappt mal gut, mal gar nicht. Kommt ganz auf die Laute darauf an. Bin dennoch sehr zufrieden, da ich den Großteil interpretieren kann. Als ich der Logopädin erzähle, dass ich den Klang von Wasser so, wie ich als Franke sage, „dodal doll“ heute Morgen fand, bekomme ich eine Herausforderung. Es gilt die Geräusche: Rudern, Duschen, Tropfender Wasserhahn, Regen, Fließender Wasserhahn und Schwimmen außeinander zu halten. Puh, da muss ich mich aber ordentlich konzentrieren und halte die Augen geschlossen. Zunächst klappt die Unterscheidung recht gut, dann zollt jedoch die hohe Konzentration ihren Tribut. Ich fühle mich recht erschöpft und mache häufig Fehler. Ist aber halb so wild, habe bewusst um diese Herausforderung gebeten und empfinde es trotzdem als sehr positiv, überhaupt unterschiedliche Qualitäten von Wasser so schnell hören zu können. Wusste bis heute noch gar nicht, dass so etwas überhaupt jemals mit einem Cochlea Implantat funktioniert…

Musiktherapie

Ich komme in den Genuss einer Einzelsitzung mit der Musiktherapeutin. Wir führen ein sehr gutes Gespräch zum gegenseitigen Kennenlernen und über die Bedeutung von Musik in meinem Leben. Dabei fällt mir auf, das die Rolle der Musik und die Einflüsse darauf durch die Ertaubung und das CI immens sind. Deshalb widme ich dem Thema einen eigenen Beitrag (Dank an meine Musiktherapeutin 😉 ).

Zum Abschluss der Sitzung nehme ich Platz auf einem Klangstuhl und konzentriere mich auf den CI Sound und die Vibrationen der Musik.

DSC_0139

Habe davon noch nie gehört oder so ein Ding gesehen. Interessante Idee so ein Klangstuhl, der könnte meinen Kindern sehr gut gefallen. Das schreit förmlich nach einem Selbstbauprojekt für zu Hause 🙂

Freizeit

Abends trifft ein SSDler zu seiner 3. Anpassung im ICF ein, mit dem ich über den Blog und das DCIG Forum im Vorfeld etwas Kontakt hatte. Halleluja, da hat der Deckel seinen Topf gefunden! 😀 Wir quatschen bis tief in die Nacht und es tut richtig gut, das erste Mal sich so wirklich mit einem Gleichgesinnten auszutauschen! Sehr viele Empfindungen, Entwicklungsphasen, Herausforderungen und Gedanken sind deckungsgleich. Wir lachen viel und morgen brauche ich wohl einen starken Kaffee…

Fazit des 3. Tages der EA:

Routine macht sich bei der Erstanpassung breit und der Tag „nur“ im ICF liefert mir wieder neue Energie. Zudem keimt in mir die Erinnerung auf, dass Musik viel mehr als nur Klang ist und auch mit einer Hörbeeinträchtigung genossen werden kann. Man muss sich nur auf das konzentrieren, was man kann, nicht auf das, was man nicht kann.

Austausch mit Gleichgesinnten ist Balsam für die Seele!

Hier ist ein Thread zu diesem Beitrag im DCIG Forum

EA Tag 2: Von Elektroterroristen und wütenden Gorillas

CI - Erstanpassung und Reha

Neuer Tag, neues Glück! Mit viel Freude lege ich beim Erwachen sofort den Sprachprozessor an, der friedlich direkt neben mir auf der Ablage geschlummert hat. Ahhhhhh, ich fühle mich irgendwie wie ein Junkie, der süchtig nach einem verrückten Zeug ist, in meinem Fall die schrägen Geräusche im tauben Ohr.

Anpassung Technik

Das heutige Programm startet mit einer Anpassung des Prozessors. Dazu wird zunächst die Impedanzen aller Elektroden vermessen. Hierbei wird der Hörnerv mit einem Impuls erregt. Dieser erzeugt darauf hin einen weiteren elektrischen Impuls, der ans Gehirn weitergeleitet wird. Dieser Impuls ist mit dem CI messbar. Je stärker der Impuls, umso lauter das Geräusch. In den ersten Tagen Betrieb eines Cochlea Implantats verändern sich die Oberflächen der Elektroden. Diese werden rauher und bekommen dadurch mehr Oberfläche. Zusätzlich verbindet sich die Elektrode besser mit dem umliegenden Gewebe. Durch diese beiden Effekte sinkt der Übergangswiderstand von Elektrode zum Hörnerv. Laut dem Ohmschen Gesetz reicht nun eine niedrigere Spannung aus, um den gleichen Strom im Hörnerv zu induzieren (= gleiche empfundene Lautstärke), da der Widerstand ja kleiner geworden ist. Folglich nimmt die Laufzeit bis zum Batteriewechsel zu und eine stärkere Erregung ist theoretisch möglich.

Wow, in einem schönen Diagramm wird mir gezeigt, wie die Elektrodenwiderstände bereits seit gestern gefallen sind. Super Sache, endlich mal anschauliche Elektrotechnik am (besser im) eigenen Leib 🙂

Die Lautstärke des CIs konnte ich am ersten Tag von 1 stufenweise bis 9 per Fernbedienung steigern, ohne dass es Probleme verursacht hat. Das ist ein gutes Zeichen. Durch die höhere Lautstärke kann ich die fremden Geräusche besser wahrnehmen und mehr Details erkennen. Die Lautstärke ist jedoch noch unterhalb der empfundenen des gesunden Ohrs.

Danach fängt der Techniker das zaubern so richtig an. Nach ein paar Mausklicks spielt er mir ein neues Programm auf und wir starten den Probelauf: „Hallo, hallo, hallo, eins, zwei, drei…“ Sagenhaft, plötzlich höre ich die stimmähnlichen Töne viel klarer und weniger verzehrt. Was ist passiert? Die Taktrate, mit der die elektrischen Impulse moduliert werden, sind von 900 MHz auf 1,8 GHz angehoben worden. Dadurch wird der Höreindruck „geglättet“. Die Frequenzwellen werden definierter und weniger eckig abgebildet. „Warum stellt man nicht gleich von Beginn an auf diese Taktrate?“ möchte ich wissen. Nun ist es so, dass der Hörnerv mit schnellerer Pulsweitenmodulation stärker beansprucht und gefordert wird. Zum Start würde eine zu hohe Taktrate den Hörnerv überfordern und das wäre kontraproduktiv. Leuchtet mir ein. Dass die Akkulaufzeit durch die höhere Frequenz (denke mal folglich auch höhere Schaltverluste) geringer wird, stört mich herzlich wenig.

Zum Abschluss lasse ich mir den Sportbügel an den Sprachprozessor montieren, da ich diesen für meinen aktiven Lebensstil nicht ausreichend befestigt empfinde. Mit dem neuen Bügel sitzt der SP wirklich Bomben fest und ich fühle mich für den Tag gerüstet.

Logopädie

Dank der neuen Optimierungen und Lerneffekte mit dem CI schneide ich deutlich besser ab bei unseren Kartenspielen des Vortags. Sogar die Rassel lässt sich nun von der Glocke unterscheiden. Zum Abschluss der Übungen probieren wir ein neues Schwierigkeitslevel aus:

Fremde Sätze nur über das CI verstehen.

Zu meiner Überraschung klappt das richtig gut:

„Ich reise nach Bagdad“ (warum auch immer…)

„Ich fliege nach Kalkutta“

etc…

Jeden Satz kann ich fehlerfrei verstehen. Nur zum Schluss stoße ich an meine Grenzen. Ein vermutetes „Wien“ entpuppt sich als „Dehli“. Das kann meine Freude jedoch nicht im geringsten über die schnellen Fortschritte trüben.

Nach der Logopädie gehe ich erneut zur Technik, da die Grundlautstärke heute irgendwie zu laut wirkt. Meine Schritte au der Treppe hallen z.B. sehr laut in meinem Schädel. Da lieber gleich wieder anpassen lassen, ist ja zum Glück alles vor Ort und läuft unkompliziert…

Freizeit und Höreindrücke dabei

Da die Sonne draußen lacht und es richtig warm ist, fahre ich in die Innenstadt und laufe quer über den Schlossberg von Freiburg. Eine tolle Aussicht ergibt sich hier, vor allem auf dem Aussichtsturm.

CI Freiburg„Freiburg, Windstärke 8, der Sprachprozessor hält“. Hier oben weht der Wind dermaßen stürmisch, dass ich echt froh über den heute angelegten Sportbügel bin. Der wird mir bestimmt beim Joggen, Bergsteigen und Klettern noch gute Dienste erweisen. Ein verlorener Sprachprozessor wäre wirklich eine sehr sehr teure Angelegenheit, da könnte ich gleich ebenso gut einen Kleinwagen eine Felswand hinunter schmeißen 🙂 Der Wind klingt nun richtig klasse im tauben Ohr, ähnlich wie das Windgeräusch in einem Handy und nicht mehr so wirr wie am ersten Tag.

Sogar das Einatmen ist nun wieder auf beiden Ohren hörbar. Dadurch fühlt es sich nicht mehr so an, als ströme die Luft nur durch ein Nasenloch.

Im „ruhigen“ Wald ist es jedoch alles andere als ruhig. Mir werden wild konfuse, metallisch klirrende Geräuschbroken um die Ohren geworfen. Erst nach einiger Zeit merke ich, dass die lauten knallenden Schläge wohl das Rascheln von Blättern sind! Und die stellenweise auftretenden penetranten ratternden Blechsalven stammen von Singvögeln! Vögel! Diese Tierchen mit den lieblichen Stimmchen sind plötzlich Elektroterroristen, die es in meinem Hirn klingeln lassen!!!!! Wie verrückt ist das denn 😀 !!!!!!!

In der Innenstadt steige ich noch aufs Münster und genieße ordentliche Glockenschläge von 24 Tonnen Glockenmaterial aus nächster Nähe. Da kann man den Sound buchstäblich fühlen. Das stellt jedoch kein Problem für das CI Ohr dar, da es bei einer gewissen Schwelle einfach nicht die Lautstärke weitergibt.

Im Getümmel der Fußgängerzone habe ich das Gefühl von elektrischem Tinnitus, da wirklich alles mögliche die Ganze Zeit unddeutbar metallisch im Ohr klingt. Zum Teil hinterlassen die Geräusche einen sekundenlangen Tinnitus im tauben Ohr. Wird Zeit zur Umkehr, habe das CI schon auf der leisesten Stufe und es fühlt sich immer noch zu laut an. Habe ich übertrieben? Vor dem Parkhaus lässt ein BMW die Reifen quietschen. Haha, wieder so ein geniales, neues Geräusch. Klingt nach metallischem, feuchten Durchfall 😀

Zurück im ICF lasse ich wieder die Lautstärke weiter reduzieren, da ich mich überfordert fühle mit der jetzigen Mindestlautstärke. Mein Techniker meint, dass das auch an der höheren Taktrate liegen kann. Falls es nicht besser wird, müssen wir wohl voerst wieder zurück zur LowQuality. Ich ärgere mich etwas über mich selbst und frage mich, ob ich mit meinem drei stündigen akustischen Ausflug in Stadt und Wald übertrieben habe. Ist ja wie beim Marathon, man sollte nicht zu schnell starten, auch wenn man sich fit fühlt. Das fällt mir auch immer schwer 😉

Im ruhigen Zimmer angelangt will ich etwas entspannen und höre das folgende, eigentlich sanfte und ruhige Klavierstück Trois Gymnopédies:

Doch was ist das?!?!?!?!??!?!?!?!!?

Wieder so ein unbeschreiblicher AHA Moment vom allerfeinsten!!!!!!!

„BAM BAM BAM BAM BAM…BAM BAM BAAAAM….“

Ein Gorilla hämmert vor meinem geistigen Auge mit seinen rießigen Fäusten genüsslich auf ein Auto ein und schlägt das Blech im Takt kurz und klein 😀 😀 😀

„BAM BAM BAM BAM BAM…BAM BAM BAAAAM….“ unglaublich…. kann ich jedem CI Träger nur empfehlen!

Musiktherapie

Die Musiktherapie findet in der Gruppe statt. Nach einem anfänglichen gegenseitigen Masieren mit einem Stachelball (soll gegen Verspannungen durch die verdrehtere gehörbedingte Körperhaltung helfen) wird mit Klangschalen experimentiert.

KlangschalenIch schnappe mir die Größte, da ich die tiefen Töne am meisten mag. Wahnsinn, wie lange die Dinger den Ton halten und Nachschwingen (und schwer werden, ich musste ja die Größte unbedingt nehmen 😀 ). Das dumpfe Brummen klingt wie ein Schwarm vorbeidonnernder Maikäfer. Die höheren Klangschalen nehme ich nicht wirklich wahr. Übrigens wurde ursprünglich im asiatischen Raum daraus gegessen, bevor die Verwendung für Meditation und Wellness dafür entdeckt wurde. Erinnert mich auch etwas an unsere Salatschüsseln zu Hause 🙂

Fazit des Tages

Wahnsinn, wie schnell sich der Höreindruck bei mir verändert! Von der Verknöcherung merke ich bisher zum Glück keine negativen Auswirkungen. Lang leben die Elektroterroristen, der elektronische Durchfall, die Gorillas und Maikäfer! Morgen mache ich jedoch etwas langsamer, fürchte ich habe heute etwas übertrieben.

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